Schwarzer Cocker – eine Anekdote

Kann ein Kind von zehn Jahren schon Verantwortung für einen Hund übernehmen? Nein.
Der dunkelgrüne Teppich hing nur noch in Fetzen um die Einbaugarderobe herum. An der Stelle, an der der Teppich ursprünglich einmal die Holzverkleidung umschloss, zeigte sich das graue Linoleum einer Arztpraxis. Unter den synthetischen Stofffransen klebte noch staubig der Teppichschaumstoff. Auch einen beigen Trenchcoat hatte es erwischt. Ein Ärmel hing als Fetzen zwanzig Zentimeter näher am Boden als der andere an der Garderobe.

Ein junger Hund kann schlecht allein sein. Er fühlt sich zurückgelassen von seinem Rudel. Wenn er nicht bellt, sucht er Beschäftigung für seine Energie.
Ein Schaden von einigen hundert D-Mark war für eine Familie Mitte der Achtziger Jahre ein erheblicher finanzieller Aufwand und der Hund wurde in Frage gestellt. Obwohl er morgens ausgeführt wurde, sah er es anscheinend nicht ein, die Zeit, in der ich zur Schule ging, untätig, ohne Aufgabe zu sein. Ein Cocker ist für die Jagd ausgelegt. Aber was weiß eine Durchschnittsfamilie ohne Hundeerfahrung davon.

Unser Cocker hatte allerdings auch eine Menge Soft und Social Skills und so merkte er sich die harte Zurechtweisung, die damals noch üblich war. Nach Reparatur verging er sich nicht mehr an Teppich und Garderobe, sondern beschränkte seine Aufmerksamkeit auf die Küche mit Ihrem Mülleimer und erreichbaren Lebensmitteln. Zum Glücke meines treuen Kinderherzens blieb er.

Meine Familie liebte die Besuche bei meiner Tante und meinem Onkel. Sie hatten ein eigenes Gewerbe aufgebaut und es zu ein wenig Wohlstand in den Achtziger Jahren gebracht. Besaßen sie keine Kinder, aber einen schwarzen Cocker, welcher so umgänglich war, dass er meinen Onkel täglich begleitete, wenn er Neubaugebiete anfuhr, um die Fortschritte in der Gas- Wasserinstallation zu prüfen, welche von seinem Team umgesetzt wurden. Der schwarze Cocker wuselte dann selbstständig durch den Neubau, um Streicheleinheiten und Snacks einzuholen und ab und an auch mal sein Bein zu heben, um sich für andere Hunde zu verewigen. Ein schönes Hundeleben.

Schon als kleines Kind liebte ich diesen Hund. Sein in der Sonne schwarz-blau schimmerndes weiches Fell. Die langen warmen Ohren, die hippieesk sein Gesicht umgaben. Ich legte mich zu ihm auf den Boden bei Familienfeiern und kuschelte wunderbar mit dem Familienmitglied.
Ganz wie der coole Cowboy einen schwarzen Hengst hatte, in „Western von Gestern“, wuchs der Wunsch in mir, ebenfalls einen schwarzen Cocker in meinem Zuhause als Gefährten zu haben.  Mit zehn Jahren wurde mir der Wunsch gewährt.

Um den Charakter eines schwarzen Cockers ein wenig zu beschreiben, vielleicht die Charakterzüge, welche ursprünglich allen schwarzen, englischen Cockern meiner Erfahrung nach zuteil sind, erzähle ich gerne die folgende Geschichte:

Unsere kleine Familie, mittlerweile erweitert um unseren Cocker Spaniel, war wieder einmal zu Besuch bei meiner Tante und meinem Onkel mit ihrem Cocker Spaniel. Die beiden Rüden verstanden sich so weit gut, es war Sommerzeit, wundervolle Hundespaziergänge erwarteten uns. Mein Onkel wies mich weiter ein, in die Besonderheiten des Cockers. Diese Jagd und Apportier-Hunde geben ungewöhnliche klackende Laute ab, wenn sie intensiv an einer Fährte riechen und sie verfolgen. Mein Onkel nannte es „cockern“. Und tatsächlich beide Cocker waren begeisterte Fährtensucher und sie grunzten-klackerten, wenn sie etwas Heißes aufgespürt hatten.

Die Hannoveraner Innenstadt im Herzen Niedersachsens, der Stadt, in der das beste Hochdeutsch gesprochen wird, weist einen sehr schönen Stadtwald auf, welcher gut erreichbar für uns war. Ideal um ausgiebige Hundespaziergänge nach dem Mittagessen zu unternehmen. An diesem Sonntag im Frühsommer starteten also meine Großmutter, meine Mutter, meine Tante und ich einen Verdauungsspaziergang mit den beiden Hunden. Die beiden Hunde durften damals noch abgeleint laufen. Sie schnuffelten umher, trafen andere Hunde zum Spielen und „cockerten“ bei einer interessanten Fährte. Es waren immer schöne Spaziergänge. Als Kind integrierte ich mich in das Freilaufen der Hunde, indem ich Stöcke heraussuchte, welche ich warf oder mit denen ich mit den Hunden um die Wette zerrte.

Cocker sind in der Regel, treue, gelehrige Tiere, welche insoweit gut hören, bis bei Ihnen eine Grenze erreicht wird, in denen Ihre Eigeninteressen, denen der Besitzer überwiegen. Diese Grenze wurde bei unseren Tieren oftmals fast erreicht, wenn ein weiterer interessanter Hund in eine andere Richtung ging. Doch immer kamen die beiden zurück, um ihr Rudel nicht zu verlieren. Selbst ein wenig Hütehund zeigte sich in den Tieren, liefen sie doch aufmerksam vor und zurück, wenn sich selbst unsere kleine Gruppe auseinanderzog im Spaziergang.

Doch möchte ich nun sprechen vom Trieb. Vom angezüchteten Jagdtrieb genauer. Denn so ein englischer Cocker hat eine großartige Nase, er „cockert“ bei einer heißen Fährte. Er ist genetisch spezialisiert worden auf das Auffinden und Apportieren von geschossenem Federvieh. Wie heißt es in Insiderkreisen so schön: “Such Verwund, mein Hund!“. Das kann dann ein gesundes Eigeninteresse werden von so einem Tier.

Der Stadtwald Eilenriede von Hannover bietet wasserfreudigen Hunde eine Menge an Schwimmmöglichkeiten. Es führt ein Bach durch das Gebiet, welcher in einige, aufgestaute Teiche, vielleicht kleineren Seen mündet und sie wieder verlässt. Schwarze Cocker bringen gerne, in das Wasser geworfene Stöckchen, ihrem Besitzer wieder in die Hand.

Eine Gruppe von Enten schwamm im kleineren See, auf der Suche nach Nahrung, vielleicht Brot von Spaziergängern. Und der ältere der beiden Cocker, der Hund meiner Tante, folgte seinem Trieb, folgte seinem Instinkt.
Er erkannte in diesem Augenblick seine wahre Bestimmung darin, eine dieser Enten zu apportieren. Und so schwamm er hinaus auf diesen zweihundertfünfzig Meter Durchmesser messenden See und verfolgte diese Gruppe Enten. Er schwamm und schwamm, bis er etwa zwei Meter, in der Mitte des Sees, an der größten Ente heran war, welche auffällig durch ihr halbweißes Gefieder war.
Und dann, hob die Ente kurz fliegend ab und verschaffte sich wieder etwa zehn Meter Abstand zu ihrem Apportierhund. Es war Nachmittag und wir waren auf dem Rückweg zur Wohnung meiner Tante, um dort Kaffee und Kuchen zu verspeisen. Doch waren wir anfangs auch ein wenig amüsiert, dass der Hund sich zum Ziel genommen hatte eine weiße Ente zu fangen.
Problematisch wurde es allerdings dann, als meine Tante bemerkte, dass der Hund nicht mehr auf sie hörte und zurückkam. Freundliches Namenrufen, wütendes Namenrufen, nichts half.

Auf dem See wiederholte sich das Schauspiel der im Kreis schwimmenden Jagd-Partner in regelmäßigen Abständen: Der schwarze Cocker holte mit kräftigen Schwimmen Meter auf die Ente auf, bis eine Grenze erreicht wurde. Sie flog kurz auf, zehn Meter zwischen den Beiden und das Spiel begann erneut.

Waren die ersten zehn Minuten noch geprägt von Wut in der Stimme meiner Tante, so wich sie der Angst um den dauerhaft schwimmenden Hund. Das beste Zureden half nichts, kein Entfernen und keine Stille, kein Rasseln mit der Leine. Der Cocker und die Ente hatten ein Spiel und der Cocker schwamm und schwamm im Kreis mit der Ente vor seiner guten Nase. Unseren schwarzen Cocker hatten wir nun angeleint.

Zwanzig Minuten dauerte nun das Schauspiel des jagenden Hundes, das Schwimmen strengte ihn zunehmend mehr an und er grunzte und prustete, schwer atmend, Wasserspritzer aus seiner Nase. Doch er gab nicht auf. Wir beschlossen nicht mehr zu warten und zum Kaffee trinken zu gehen und ließen meine Tante und den Hund zurück.  

Es stellt sich die Frage, ob nicht jedes Lebewesen zumindest ein paar Mal in seinem Leben seinen echten inneren Trieb ausleben sollte. So nah, dass es an die eigene Grenze herantritt. Der Trieb passt nicht mehr in unsere Gesellschaft. In die Gesellschaft des modernen Menschen. Weder beim Hund noch beim Menschen.

Der schwarze Cocker kam mit meiner Tante zehn Minuten später in die Wohnung. Er war völlig entkräftet und hatte aufgeben müssen. Dreißig Minuten war er im Kreis geschwommen hinter einer fast weißen Ente.

Schwarzer Cocker am heutigen Kühlschrank

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