Musikkritik – Solstice von Sol Heilo

„Solstice“ ist der englische Begriff für Sonnenwende. Tippe ich den Begriff bei wikipedia.org ein, so kann ich sehen, dass zahlreiche Bands diesen Bandnamen tragen. Eine britische Doom-Metal-Band, eine amerikanische Death-Metal-Band und eine weitere englische Band im Neo-Prog-Genre.

Ich bin ein Fan von Sol Heilo. Von Ihren Fertigkeiten als Musikerin, von ihrer Stimme, von ihrer attraktiven Erscheinungsform.

Ich war ein Fan von, der wahrscheinlich nicht mehr zustande kommenden, norwegischen Formation Katzenjammer, welche besonders uns Deutsche ab den 2010er Jahren begeisterte. Die vier jungen Frauen, Anne Marit Bergheim, Turid Jørgensen, Marianne Sveen und Solveig Heilo erspielten sich durch spektakuläre Konzerte eine große Fangemeinde in Deutschland. Sie füllten, bis zum Ausstieg Mariannes, Hallen bis zu 8000 Besuchern. Die Musik war ziemlich catchy. Eine Mischung aus Akustikgitarren-lastiger Polkamusik mit starken Balkan Einflüssen, russischer Zirkusmusik, schnell gespielt, mit einer Aktion auf der Bühne als würde das Publikum von fleischgewordenen Kabarett-Piratinnen geentert, welche dazu noch ständig die Instrumente tauschten. Großartig.

Erst mit dem dritten Album verstand sich die Band mehr auf Ihre Nashville Einflüsse, blieb frech, aber insgesamt verschwand die Show ein wenig, die Songs wurden ernsthafter und persönlicher. Vielleicht hat die Band diesen Umbruch nicht zusammen geschafft, denn, obwohl auch das dritte Album sehr höhenswert ist, war es kommerziell nicht so erfolgreich wie die Vorgänger.

Nun, Frau Heilo hat seitdem Ihre Solokarriere voran gebracht. Sie war die erste aus dem Quartett, welche ein Soloalbum veröffentlichte: 2017 mit „Skinhorse Playground“. Es folgte 2019 „Unplugged Playground“ und nun erschien 2021 die EP „Solstice„. Leider wurde die EP bisher nicht physikalisch veröffentlicht, sondern ist lediglich als Download erhältlich.

Das Album startet mit dem Opener „May Is The Month“ als erstes von insgesamt 6 Liedern. Ganz anders als das erste, sehr ausproduzierte Debut, reduziert Sol die Stimmung in ihren Liedern auf Ihrer EP in das relativ pure Erlebnis von akustischen Gitarren, Gesang und Backgroundgesang, so auch in dieser Ballade. Ein melancholisches Erleben von Aufgang und Niedergang, eine Reise durch die Natur von Sterben und Wiederauferstehen, mit dieser Thematik verbinde ich dieses Lied. Auch die Wiedererweckung im Mai, obwohl hymnisch durch Backgroundgesang verstärkt, bleibt traurig verklärt im Lied, als wäre der Trieb im Laufe des Jahres von einem Reh gefressen worden und der Ahornbaum geht Jahr für Jahr wieder in einem neuen Trieb auf. Die schwedische Band „The Cardigans“ konnte wohl in den Neunzigern die schönste postmenstruelle, melancholische Stimmung erzeugen, so dass sie auch den Jungs gefiel. Aber diese Leichtigkeit fehlt hier im Song von Sol Heilo. Hier hört es sich nach Verlust an. Dabei hat sich die Sängerin erst vor einiger Zeit reproduziert und hat ein Kind bekommen. Der Song wird zuvor entstanden sein.

Das ruhige, getragene Gefühl wird ebenso im zweiten Song fortgesetzt. „A Scent Like A Print“ erinnert durch den verwendeten Falsett-Gesang an Songs von Bon Iver. Überhaupt kann man es vielleicht als ein künstlerisches, politisches Statement von Sol interpretieren, dass auch sie Ihre EP, sehr pur und reduziert aufgenommen hat, ähnlich zu den Alben eines Bon Iver. Frau Heilo macht keinen Hehl daraus, dass sie diesen Künstler sehr verehrt. Und viele Folk-Musiker aus der Welt versammeln sich mittlerweile hinter diesem reduzierten Stil. Die Wirkung ist ein Kloß im Hals des Publikums, denn erzählt wird hier durchaus mit intimen Bildern, eine Liebe, welcher aber auch hier der Tod, das Sterben derselben gegenübersteht. Das Balancieren auf dem Dachfirst eines Hauses der Kunst, in dem allerdings auch eine fleischliche Beziehung zu dem Partner geführt wird.

Lift Your Head“ schließt zunächst einmal den Kreis dieses traurigen, fast schon resignierenden Erzählens mit Piano und Akkordeon Begleitung und steigert sich final in eine Hymne für die humanistische Liebe, für welche man kämpfen sollte. Ich halte dieses Stück jedoch für das schwächste Stück auf dieser EP, da es doch arg folkloristisch und pathetisch wirkt. Solveig Heilo eignet sich unbedingt als Vorgänger von philosophisch, politischen Streben, doch sie ist eine doch recht privilegiert aufgewachsene Norwegerin, Europäerin und Künstlerin. Ihre Dämonen in Einklang zu bringen mit dem Empfinden der staatlichen Bürger von Europa, schafft sie hier nicht ganz.

Wesentlich ambitionierter ist die Fabel, das Märchen in den Lyrics von „All The Lost People„, auch hier pur begleitet von Akustikgitarre, Akkordeon und Thom Hells(bekannter norwegischer Sänger) angenehm männlicher Stimme. Das Lied ist mitgeschrieben worden von ihrem Bruder Kristian Heilo und es enthält durchaus gemeingesellschaftliche Kritik, vielleicht abgeleitet aus Gedankenströmen einer identitären Hippie Bewegung. Ich kann es nicht sagen. Es ist aber ein schönes, leicht gruseliges, pessimistisches Märchen im globalen Kontext.

Stars!“ der vierte Song des Albums, liefert die Sol Heilo, welche der Beobachter der Band aus Ihren Interviews, Fotos und Songs gewöhnlich kennt, denn Sol ist ein ganz schön großer, kleiner Star in Norwegens Kulturbetrieb. Sie hat nicht nur das Standing Zuschauer durch Ihre Leistungen in dem norwegischen Format von „Sing meinem Song“ zu begeistern, sie traut sich auch hier im Song den möglichen Assoziationen einer Beziehung unter Star-Appeal Raum zu geben, was ich großartig finde. Sie lässt uns durch ein Schlüsselloch schauen auf ihr Alter-Ego Sol in Beziehung, der emanzipierten Frontfrau und Bandleaderin, allerdings nur auf ihr Gesicht und in einem Traum. Dies wird musikalisch deutlich, denn die schwelgerische, Banjo, Drum Begleitung könnte einem Sufjan Stevens Tagtraum entwachsen sein.

Keinen geringeren als Madrugada Frontmann Sivert Høyem hat Sol gewinnen können für Ihre wunderschöne Ballade „No More Games“ dem abschließenden Song. Es ist für mich ein wahnsinnig, starker, ausdrucksvoller Song im Duett dargeboten. Sol zeigt hier eine wundervolle, entschlossene Stimme, in welche ich mich verliebt habe. Siverts Stimme ist unbestritten. Kleine Kritik: Dennoch würde ich es jederzeit bevorzugen, dieses Lied einmal, mit Überzeugung, live von den beiden in Konzert zu hören, denn ich denke, sie haben es nicht in einem Studio live zusammen eingesungen. Wenn, dann wurden die Stimmen nicht gut genug nebeneinander gelegt oder Sivert hat sich noch nicht gut genug mit diesem großartigen Song vertraut machen können. Thematisch ist es auch hier eine Momentaufnahme einer Beziehung, ein Kämpfen um die Liebe, zu einem fast schon übermächtigen, allgegenwertigen (Ansprech)Partner, der allerdings ebenso stark in die Schranken gewiesen wird. Auch hier lässt das Lied Interpretationsspielraum zu, welches beispielsweise die Zeile „Cause if you promise to make that vow, We will never taste real love“ birgt. Was kann das heißen? Sivert und Sol sind mit Ihren Partnern nicht verheiratet, meine ich zu wissen. Gibt es hier eine gesellschaftliche Revolte gegen das staatliche, kirchliche Heiraten? Wenn man sich in all die Zweckpartnerschaften reindenkt, welche existieren, welche vielleicht auf der Lüge einer gesellschaftlichen Konformität aufgebaut sind, könnte man es verstehen. Das ist wirklich stark, wie hier der Song auf mich einwirkt.

No More Games von Sol Heilo

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