Kurzgeschichte

Curry

„Reichst Du mir mal bitte das Wasser?“
Es dauerte eine Armbewegung und schon war die Flasche San Pellegrino in der Hand von Carl, freundlich weitergereicht worden, mit einem mildtätigen Lächeln.
„Recht würzig, chhön chharf!“
Carl versuchte noch zwischen seiner kulinarischen Enttäuschung im Gesicht und der geselligen Runde, welche sich hier eingefunden hatte, zu vermitteln, doch auch er bemerkte den kurzen zwiespältigen Blick, den Lisa ihm von links zuwarf und ihre rechte Hand unter dem Tisch, auf seinen Oberschenkel setzte. War das Italienisch?
„Du hattest dir ja etwas Einfaches gewünscht. Lisa hat dich ja gefragt. Wünsche wurden angenommen und umgesetzt. Wir sind halt außergewöhnlich tolle Freunde.“ sprach Claudi ihn nett an.
Michi, die zweite Hälfte des gastgebenden und in formidabler Teamarbeit kochenden Paares warf ein: “Die Tomaten haben gut zwei Stunden geköchelt. Das schmeckt man aber auch heraus, denke ich.“ Er schaute leicht irritiert auf seinem Gegenüber.
Carl musste etwas sagen. „Ganz ehrlich, ich esse lieber eine klassische italienische Salsa zu Pasta. Ich kann diese Globalisierungsküche nicht gut leiden. Ich weiß, dass ihr die Fernostküche sehr schätzt. Unser Wok-Abend war großartig. Ihr seid Vegetarier. Paniertes Saitanschnitzel mit überbackenen Emmentaler zu der Pasta, viel Mühe, schmeckt. Aber warum Curry in der Tomatensalsa?“


„Wir lieben halt Curry, ich mag es total, sei doch nicht so engstirnig manchmal. Lass dich doch mal auf etwas Neues ein, geschmacklich.“ verriet Claudi, doch das ahnte Carl schon.
Michi konnte sich mit dem Globalisierungsgedanken nicht recht abfinden: „Was hat das denn mit Globalisierung zu tun?“. Michi war diplomierter Kaufmann und kannte Globalisierung nur in Bezug auf internationale Märkte und ergänzte noch zurück: “Außerdem ist das ja keine Salsa. Eine Salsa ist kalt und scharf, kommt aus Spanien!“, um wieder Meinungsführung zu haben.
Lisa brachte sich mit ein: „Du isst doch auch eine Currywurst in der Bude beim Baumarkt. Isst du gerne. Wo ist jetzt dein Problem mit der Tomatensauce? Ist doch auch Tomate.“

„Ja, das ist eben der Unterschied.“, Carl ärgerte sich über Lisas Verallgemeinerungen und dass sie sich auf die falsche Seite stellte: „Wenn ich Ketchup zu einer Wurst esse, Ketchup enthält schon diese Essigschärfe und den Zucker, dann brauche ich als Zusatzgewürz, dann passt als Zusatzgewürz, durchaus etwas Scharfes, Bestimmendes. Wenn ich allerdings eine feine Salsa alla Napoletana mache, so war ja die Grundidee, italienisch, Sauce – Salsa, ich lasse also zwei Kilo Tomaten zwei Stunden runterkochen, dann verwürze ich mir das feine Tomatenaroma doch nicht noch mit einer ordentlichen Dosis an Curry. Da kann man sich übrigens das Basilikum schenken. Das schmeckt man gar nicht mehr.“


In Michi begann der Globalisierungsgedanke zu sprießen:“ Carl, du weißt, dass wir Asien mögen. Wir ernähren uns gesünder. Wir essen kein Fleisch, weil wir mit dem Buddhismus sympathisieren. Wir nehmen allerdings Ideen aus fremden Kulturen an. Das würde vielen Leuten hier in Europa ebenfalls nicht schaden. Gewürze wirken belebend. Das würde dir auch manchmal gut tun.“


Carl war ausgebildeter Informatiker, welcher in einem großen, namhaften Systemhaus arbeitete und er musste sich in diesem Moment an das letzte Weihnachtsgeschenk der welterfahrenen, ihm gegenübersitzenden Partner an ihn erinnern: Eine Tasbhi, eine islamische Gebetskette aus Onyxperlen, mitgebracht aus Dubai, mit sicherlich statusähnlichem Wert, welche ihm als Männlichkeitsattribut fortan begleiten sollte. “Michael, ich kann mir nicht vorstellen, dass eine gesunde Ernährung unbedingt nur mit einer Kultur verwachsen ist. Und ich kann dir sagen, dass es Orte gibt, an denen man den belebenden Charakter von starken Gewürzen auf das Nervensystem lieber aus dem Weg gehen würde, wenn sie dann von sich vital ernährenden Kollegen wieder auf die Reise geschickt werden.“


Lisa verstand sich nun darauf die unangebrachte Pointe ihres Freundes zu entschärfen und steuerte einen Erfahrungsbericht aus deren Zweisamkeit bei: “Ihr müsst den manchmal hören, ich komme vom Laufen nach Hause, er riecht an mir und sagt immer: „Kurrie, Kurrie, geh duschen!“. Dabei habe ich gar nichts derartiges gegessen.“, während bei Claudi, „Ach Carl, den Kommentar hättest Du dir sparen können.“, der Groschen gefallen war.
Zudem pflichtete Claudi, welche augenscheinlich die Pheromone ihres Freundes ausgezeichnet riechen konnte, Lisa kurz bei: „Das ist aber ein schlechtes Zeichen für die Partnerschaft, wenn ihr den Duft des anderen nicht haben könnt.“


In Michi erwachte nun der verzeihende therapeutische Instinkt, der leicht ironisch provozierte: “Dass du so überreagierst und uns mit diesem Vergleich den Appetit verdirbst, zeigt doch nur, dass du ein wenig empfindlich bist, sonst würdest du das nicht so stark wahrnehmen.“. Er fasst zusammen: „Du magst Currywurst, du hast eigentlich kein Problem mit Curry, du bist nicht allergisch, du ärgerst aber Lisa mit ihrem Geruch, vergleichst den mit Curry und dann mäkelst du an der Tomatensoße herum, weil da Curry drin ist. Was bezweckst du damit? Du hast vielleicht eine kleine soziale Phobie, vielleicht bist Du sogar latent xenophob? Festgefahren bist du ja, du kommst mit neuen Sinneseindrücken anscheinend nicht klar.“


Carl gab nun auch ein halbwissenschaftliches Statement als Verteidigung ab:
„Wahrnehmungstheorie, das ist doch genau das Stichwort. Wir alle haben doch ein gewisses Bild, ein Konzept von dem, mit unseren Sinnen Wahrgenommenen, auch gustatorisch. Von Kindheit an. Eindrücke werden erworben, gespeichert und bauen aufeinander auf. Andererseits funktionieren unsere Geschmackssinne doch alle ziemlich gleich: süß sauer, bitter, salzig. Und daraus lässt sich eben ableiten: Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurden Erfahrungen weitergegeben und harmonische Geschmackskompositionen, wie etwa Tomate, Olivenöl und Knoblauch, setzten sich durch. Hinzu kommt aber eben noch die emotionale Komponente, die affektive Haltung zu Wahrgenommenen. Und da, tut mir leid, wirkt der Koch dieses Essens eben ein wenig durcheinander, ich nehme nicht an, dass ihr beide richtig schwanger seid, daher sehe ich in euren Curryverwürzungen einen Bezug zu eurem Fernweh, ohne das eine Konsequenz in der Ästhetik erreicht wurde.“


Claudia wurde ärgerlich: „Das ist deine Realität, nur deine, wer bestimmt denn, ob etwas harmonisch schmeckt, nur du? Du bist einfach engstirnig. In Asien kombinieren die Menschen Curry auch mit Tomaten!“

Michael schaltete sich ein: „Zudem kann das auch von einer schleichenden Eingewöhnung her kommen, die Menschen mussten halt die Zutaten nehmen, welche sie bekommen konnten und so entstanden traditionelle Zubereitungsarten. Wenn man die fremden Einflüsse nicht aufgenommen hätte, dann gäbe es viele Innovationen nicht.“


Claudia wurde ärgerlicher und sprach jetzt laut und deutlich. Sie holte noch ein Schätzchen aus ihrem Volkshochschul-Aufbaukurs Ölmalerei hervor:
„Und zu deiner Wahrnehmungstheorie. Wer sagt denn das, dass beispielsweise beim Sehen, deine Farbe blau auch meine Farbe blau ist. Kontraste, Harmonien. Das ist doch alles nur anerzogen, davon muss man sich lösen, wenn man wirklich freigeistig sein will.“


Carl konterte: „Es gibt allerdings eben auch vererbte Instinkte, vielleicht sogar vererbte Erinnerungen. Daher ist es eben sehr wahrscheinlich, dass deine Farbe blau auch meine Farbe blau ist. Wir haben da die gleichen Gene, einfach. Die Verknüpfung der Wahrnehmung mit beispielsweise dem Himmel, gutem Wetter, dem Licht also, mit der entsprechenden Wellenlänge, wurde weitergegeben und somit dann wahrscheinlich auch das innere Bild davon in unseren Gehirnen. Daher ist es eben so, dass unsere Farben identisch sind.“


Michael griff jetzt an, auf einer höheren Ebene: „Ja, das ist jetzt aber immer noch deine Realität, kann ja alles sein, ein Baby isst zum ersten Mal etwas Süßes, der genetische Weg sieht vor, dass konzentrierte, energiestoffreiche Kohlenhydrate gut sind. Es liebt das Süße. Aber was ist mit diesem Abbild im Bewusstsein, das könnte trotzdem auch dein sauer sein, der Impuls zum Beispiel. Und was ist dann mit Kreativität und Umgewöhnung von Erlernten?“, um dann sein Urteil abzugeben: „Claudi hat trotzdem recht. Du denkst nicht richtig frei und du empfindest nicht richtig frei.“


Nun sah Lisa ebenfalls ein Problem in der Erkenntnisgewinnung ihres Freundes und ihr fiel eine gegensätzliche Erinnerung an ein Gespräch ein, an einem Tag, als Carl anscheinend ein wenig emotional angegriffen und schwach war: “Was hattest du denn vor einer Woche als du nach Hause gekommen bist mit dieser Realitäts- oder Egotheorie, wie du das nanntest. Ich verstehe immer noch nicht, was du da genau meintest. „Kausale Zusammenhänge in der Kommunikation“, „Differenziertheit siegt nicht immer“, „Realitätenabgleich“, „Egoverstärkung“, „Egoschwächung“, du bist manchmal so furchtbar berechnend, so ernst und so verbissen, sei doch einmal aufgeschlossener.“
Carl hatte nun keine Lust mehr auf eine weitere Diskussion und auf Ausführungen bezüglich seiner glorreichen Egotheorie warteten Lisa, Claudi und Michi vergeblich.
Er aß den Teller mit der Pomodoro Salsa di Curry und der Pasta auf, während die anderen drei sich angeregt über den nächsten Urlaub unterhielten, gab in der weiteren Stunde der Zusammenkunft nur noch kurze, lakonische Kommentare ab und hörte seiner Freundin Lisa beim Einsteigen in seinen neuen Alfa Romeo zu, als sie über ihren Exfreund erzählte, welcher ja einmal auf einem LSD-Trip gewesen sei. So ganz schien sie das erste Gesprächsthema beim Essen nicht loszulassen.
Er schaltete das Radio ein. Ein Lied der Hamburger Band Tocotronic spielte auf und er wusste, dass er sich in den nächsten Wochen einen neuen Arbeitgeber suchen würde und auch für seine Beziehung zu Lisa würde es wohl ziemlich eng werden.

©Benjamin Mücke, 2021

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